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  Sprachentwicklung

Die Bedeutung von Rhythmus und Betonung für die Sprache
Sprache ist eine der wichtigsten Fähigkeiten zur Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen. Sie öffnet kleinen Kindern das Tor zur Kommunikation, zum Aufbau von sozialen Beziehungen und zum Wissenserwerb. Andere zu verstehen, Dinge zu benennen, Wünsche zu äußern und Gefühle oder Gedanken mitzuteilen sind Grundbedürfnisse des Menschen.
Obwohl der Erwerb unserer Sprache eine hoch komplexe Angelegenheit ist, hat die Mehrheit der Kinder erstaunlicherweise keine Probleme bei ihrer Aneignung. Einige Kinder zeigen allerdings im Verlauf ihrer Entwicklung Auffälligkeiten in unterschiedlichen Bereichen der Sprache.
Kinder mit Störungen der Sprachentwicklung haben oft Schwierigkeiten mit der Sprachwahrnehmung. Sie benötigen mehr Zeit zum Analysieren ihrer Muttersprache, und sie brauchen Unterstützung dabei, wichtige Aspekte wie Rhythmus und Betonung zu beachten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Meistens ist eine Sprachtherapie notwendig, damit die Sprachwahrnehmung, die Aussprache, der Wortschatz und die Grammatik sich ausreichend und rechtzeitig vor der Einschulung entwickeln können.
Zweisprachig aufwachsende Kinder haben die Anforderungen des Spracherwerbs gleich doppelt zu bewältigen. Hier besteht immer ein Risiko für Probleme beim Wortschatzaufbau, der Aussprache und der Grammatikentwicklung. Im Mittelpunkt der Sprachförderung von Migrantenkindern sollte ebenfalls die Vermittlung des prosodischen Musters der deutschen Sprache stehen.

Zuhören und Analysieren
Kinder erlernen die Sprache ihrer Umgebung indem sie zuhören, über das Gehörte nachdenken und es verarbeiten. Das, was sie verstanden haben, speichern sie im Gedächtnis. Durch ihre Fähigkeit zur Wahrnehmung und Speicherung sprachlicher Merkmale sammeln sie Wissen über ihre Muttersprache. Sprachrhythmus, Betonung, Lautstruktur und Klang liefern Informationen, die für die Gliederung des Gehörten in Sätze und Wörter erforderlich sind.
Die Fähigkeit des Zuhörens und Analysierens entwickelt sich schrittweise. In den ersten Lebensmonaten erkennen Babys die Sprechmelodie und den typischen Rhythmus ihrer Muttersprache. Sie hören aufmerksam zu, wenn sie mit "singendem" Tonfall und hoher Stimme angesprochen werden. Das Gesprochene verstehen sie zwar noch nicht, erfassen aber die emotionale Bedeutung.
Um Kleinkindern die Sprachwahrnehmung zu erleichtern, sprechen Erwachsene und ältere Geschwister in einer besonderen Art und Weise mit ihnen. Die Sprechgeschwindigkeit wird verlangsamt, es wird in kurzen Sätzen und mit übertriebener Betonung gesprochen, wichtige Wörter werden wiederholt.
Erstes Wortverständnis beginnt mit ungefähr neun Monaten. Durch die Wahrnehmung von Sprechrhythmus und Betonung entdecken die Kinder die Bausteine von Wörtern und Sätzen. In Sätzen werden einzelne Wörter erkannt, in Wörtern einzelne Silben, in Silben einzelne Laute. Die Anzahl verstandener und gespeicherter Wörter nimmt rapide zu.

Wortschatzexplosion und Satzbau
Am Ende des ersten Lebensjahres, wenn sie genügend sprachliches Wissen gesammelt haben, beginnen Kinder ihre ersten Wörter zu sprechen. Anfangs hört man nur wenige Wörter, aber dann wächst der Wortschatz im Laufe der Entwicklung immer schneller. Ungefähr ein halbes Jahr später, wenn der produktive Wortschatz ca. 50 Wörter umfasst, beginnt die so genannte Wortschatzexplosion. Jetzt lernen die Kinder 5-10 neue Wörter täglich. Eltern fördern die Wortschatzentwicklung durch Benennspiele und das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern.
Im Alter von zwei Jahren treten erste Wortkombinationen auf. Aus zwei und später drei Wörtern entstehen erste, noch unvollständige Sätze. Im Verlauf der nächsten ein bis zwei Jahre werden die Satzkonstruktionen vollständiger, länger und vielfältiger. Rhythmus und Betonungsregeln liefern die entscheidenden Informationen zur Beachtung der richtigen Wortstellung im Satz, zum Verständnis der verschiedenen grammatischen Formen (Mehrzahl - Einzahl, Gegenwart - Vergangenheit) und zusammengesetzter Wörter. Zunehmend häufiger gelingen die richtige Reihenfolge der Wörter im Satz und ihre korrekte grammatische Form. Mit drei Jahren üben sich die Kinder in Haupt- und Nebensatzgebilden mit steigendem Schwierigkeitsgrad.

Aussprache: Zwei Seiten einer Medaille
Parallel zum Wort- und Grammatikerwerb verbessert sich auch die Aussprachefähigkeit der Kinder. Anfangs sind die Mundbewegungen, insbesondere die Zungenbewegungen noch nicht schnell und sicher genug, alle Laute unserer Sprache richtig auszusprechen. Auch die Wahrnehmung feiner Unterschiede zwischen ähnlichen und schnell aufeinander folgenden Sprachlauten ist noch nicht ausgereift. Es kommt zu Vereinfachungen der Wörter durch Lautauslassungen oder zu Ersetzungen von schwierigen durch ähnlich klingende Sprachlaute.
Ab dem dritten Geburtstag sind die meisten Kinder in der Lage, sämtliche Vokale und fast alle Konsonanten richtig auszusprechen. Nur das "sch" wird noch nicht von allen beherrscht, und viele Kinder schieben beim Artikulieren von "s" und "z" die Zunge nach vorn zwischen die Zähne. Schwierig sind aber vor allem die Lautverbindungen, da hier zwei Konsonanten sehr schnell hintereinander folgen. Zu den ersten Konsonantenverbindungen, die Kinder erwerben, gehören "bl", "br" und "fl", "fr". Die korrekte Aussprache von Konsonantenverbindungen mit "sch" gelingt meist erst mit vier Jahren.
Aussprache ist ein Teilbereich sprachlicher Fähigkeiten, den man von zwei Seiten betrachten kann: von der Seite der Sprachproduktion (oder Artikulation) und von der Seite der Sprachverarbeitung (oder Phonologie).

Artikulation: Lispeln und anderes
Wenn wir sprechen, produzieren wir in rhythmischer Folge zusammenhängende Ketten von etwa 15 - 20 Sprachlauten pro Sekunde. Die kontinuierliche Abfolge von Lauten in Hochgeschwindigkeit erfordert feinmotorische Präzisionsleistungen der Atmungs-, Stimmbildungs- und Artikulationsorgane. Einzelne Bewegungsabläufe werden in einem rhythmisch-motorischen Programm zusammengefasst (dessen kleinste Einheiten die Silben sind), das größtenteils unbewusst abläuft.
Kinder in der Sprachentwicklung vergleichen den akustischen Eindruck, der beim Sprechen entsteht, mit Vorbildern aus der Umgebungssprache. Durch Nachahmung entwickeln sie motorische Muster für die eigene Sprachproduktion, die durch Wiederholung immer stabiler und schließlich automatisiert und gespeichert werden.
Artikulationsstörungen entstehen, sofern sie nicht sekundär durch organische Beeinträchtigungen (Lähmungen oder Spaltbildungen) verursacht sind, durch Probleme bei der präzisen Einstellung der Artikulationsorgane im koordinierten Bewegungsablauf. Auch das Speichern, Planen und Abrufen von Sprechbewegungen bereitet Schwierigkeiten.
Auf Grund ihrer sprechmotorischen Probleme gelingt es den betroffenen Kindern nicht, bestimmte Sprachlaute zu sprechen. Manche Kinder können beispielsweise "sch" nicht artikulieren. Stattdessen erzeugen sie ein Geräusch, das dem "s" ähnelt. Einige sprechen kein "s" und "z", sondern bilden einen Laut der dem englischen "th" ähnelt, indem sie die Zunge zwischen die Zähne schieben, so genanntes Lispeln. Anderen gelingt die Artikulation von "k" und "g" nicht, und sie ersetzen diese Laute durch "t" und "d". Ihre automatisierten, fehlerhaften Lautproduktionen speichern die Kinder zusammen mit den falschen Klangmustern, so dass Vergleiche zwischen der Umgebungssprache und der auditiven Rückkopplung der eigenen Sprachproduktion keinen Korrekturprozess auslösen. Die eigenen Aussprachefehler werden nicht mehr wahrgenommen.

Phonologie: Kopf oder Topf?
Wenn wir anderen beim Sprechen zuhören, nehmen wir rhythmische Folgen von Sprachlauten wahr. Durch Pausen innerhalb dieser Lautketten werden Sinneinheiten abgetrennt und Bedeutungen hervorgehoben. Lautstärke, Tempo und Tonhöhenvariationen geben der sprachlichen äußerung ihre emotionale Färbung, Prosodie und Stimmlage sind darüber hinaus kennzeichnend für die Individualität der sprechenden Person, ihre Geschlechtszugehörigkeit und ihr Alter.
Kinder am Beginn der Sprachentwicklung müssen lernen, diese Flut von Informationen zu analysieren, nämlich das akustische Signal zu entschlüsseln und die Bedeutung zu verstehen. Mit hoher Geschwindigkeit und über verschiedene Stufen der Sprachverarbeitung wird die gehörte Sprache in immer kleinere Einheiten zergliedert. Laute sind die kleinsten Einheiten der Sprache, haben aber für sich genommen gar keine Bedeutung. Erst innerhalb von Wörtern erhalten sie als Phoneme bedeutungsunterscheidende Funktion, wie zum Beispiel das "s" in "Tasse" und das "sch" in "Tasche". Werden die beiden Laute "s" und "sch" hier vertauscht, ändert sich die Wortbedeutung.
Damit einzelne Laute erkannt werden können, müssen ihre unveränderlichen Merkmale wahrgenommen werden, die unabhängig von der Lautstärke, der Stimmlage und der Lautumgebung sind. Oder anders ausgedrückt: ein "a" muss immer als solches erkannt werden, gleichgültig ob es im Lautrepertoire der Mutter, des Vaters, der Oma oder der zweijährigen Schwester auftaucht, ob es laut oder leise, schnell oder langsamer gesprochen wurde, ob es beispielsweise in "Gabel" oder in "baden" zu hören ist.
Probleme bei der Identifizierung ziehen auch Speicherprobleme nach sich: Sinneseindrücke, die nicht eingeordnet werden können, gelangen nicht ins Gedächtnis. Manche Kinder mit einer phonologischen Störung können (trotz normaler Hörfähigkeit) beispielsweise nicht zwischen "Tasse" und "Tasche" oder "Bus" und "Busch" unterscheiden, andere haben Schwierigkeiten, in den? Wörtern "Kopf" und "Topf" oder "Katze" und "Tatze" einen Unterschied zu erkennen. Sie sprechen "Topf", wenn sie "Kopf" meinen, "Katze", wenn sie "Tatze" meinen und umgekehrt.

Drei Chinesen mit dem Kontrabass: Schreiben und Lesen
Bis zur Einschulung müssen Kinder den Erwerb der mündlichen Sprache bewältigt haben. Lesen und Schreiben können sie nämlich nur lernen, wenn sie alle Laute richtig sprechen und sicher unterscheiden können. Erst dann können den Sprachlauten die Buchstaben zugeordnet und diese Kombination im Gedächtnis gespeichert werden.
Mit dem Schulbeginn werden so genannte metasprachliche Fähigkeiten gefordert. Das heißt, die Kinder stehen vor der Aufgabe, über Sprache nachzudenken und zwischen Dingen und Wörtern zu abstrahieren. Sie lernen, Wörter in Silbenrhythmen zu gliedern, Wortanfänge und Wortenden zu vergleichen. Ihr phonologisches Bewusstsein ermöglicht ihnen die bewusste Analyse der gesprochenen Sprache, nämlich die Fähigkeit, einzelne oder sämtliche Laute innerhalb eines Wortes zu erkennen und zu benennen, die Lautposition im Wort zu bestimmen und Wörter mit gleichem Anfangsbuchstaben zu finden. Spielerisch trainieren sie durch das Singen von Liedern, wie "Drei Chinesen mit dem Kontrabass", Laute auszutauschen oder in "Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ne kleine Wanze", Laute wegzulassen. Ein gutes phonologisches Arbeitsgedächtnis, in dem Laute kurzzeitig gespeichert und abgerufen werden, ist dabei unerlässlich.

Um ein Wort schreiben zu können, muss es in seine Bestandteile zerlegt werden, zuerst in Silben, dann in Laute. Anschließend wird jedem Laut die gespeicherte grafische Form, der Buchstabe, zugeordnet. Sämtliche Buchstaben müssen dann noch in der richtigen Reihenfolge geschrieben werden. Umgekehrt funktioniert der Vorgang beim Lesenlernen. Den Buchstaben werden die gespeicherten Sprachlaute zugeordnet und beim lauten Lesen jeweils zu Silben zusammengezogen. Damit das gelesene Wort auch erkannt und verstanden wird, muss noch die richtige Betonung gefunden werden. Den Sinn des Gelesenen erfasst man nur, wenn Rhythmus und Betonung der gesprochenen Sprache entsprechen.

Für die Rechtschreibung müssen Regeln gelernt werden, die überwiegend vom gespeicherten Sprachwissen der Kinder abgeleitet werden, aber auch neue sprachanalytische Leistungen erfordern. Zum Beispiel sind die Regeln zur Großschreibung vom Wissen über Wortarten, Wortbildung und Wortableitung abhängig. Das Erlernen von Dehnungs- und Dopplungsregeln ist nur möglich, wenn betonte von unbetonten Silben und lange von kurzen Vokalen unterschieden werden können.

Schließlich müssen Schulkinder auch über ein ausreichendes Sprachgedächtnis verfügen, um sich zum Beispiel Satzteile im Diktat merken zu können. Textverständnis, ausreichende grammatische Kenntnisse und die Fähigkeit, einen Text zu planen, sind erforderlich, um eine Nacherzählung oder einen Aufsatz zu schreiben.

Der Sprachrhythmus erleichtert das Gliedern und Behalten sprachlicher Informationen (z. Bsp. der Rhythmus einer Telefonnummer, das rhythmische Sprechen von Wochentagen oder Monaten), so dass auch Schulkinder noch von prosodischer Förderung profitieren.

Ilse Wagner

Veröffentlicht in:
Ein bisschen Sonne - Gedichte zur Sprachförderung (Text-Auszug)
In: LOGO Verlag für Sprachtherapie, 2013


 

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