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  Schriftsprache

Sprachen können gesprochen und geschrieben werden. Die gesprochene Sprache bezeichnet man als Sprechen oder Artikulation. Die geschriebene Sprache heißt Schrift. Die Sprachlaute, als Medien der gesprochenen Sprache, sind akustisch wahrnehmbar. Die Medien der Schriftsprache, die Buchstaben, sind visuell wahrnehmbar. Neben der Lautsprache ist die Schrift ein weiteres bedeutendes Kommunikationsmittel, das Sprache dauerhaft macht und so die Überlieferung von Wissen und Erkenntnissen, unabhängig von der Existenz gesprochener Sprache, gewährleistet.

Historische Entwicklung der Schriftsprache

Schrift entwickelte sich zunächst über die Darstellung gedanklicher Inhalte in grafischen Zeichen, wie zum Beispiel heute noch im Chinesischen. Nahezu unbegrenzte gedankliche Inhalte erfordern allerdings auch eine wachsende und unübersehbare Menge von Zeichen, die das Erlernen und Beherrschen einer solchen Schriftsprache erschwert.
Ein paar Jahrtausende später entwickelten sich daher Schriften, deren Grundlage die Umsetzung akustischer Zeichen der gesprochenen Sprache in grafische Zeichen bildete. Dazu mussten markante Merkmale der gesprochenen Sprache identifiziert werden, und das waren zunächst Silben. Heute noch wird zum Beispiel in Japan die Silbenschrift verwendet. Aus der Isolierung einzelner Laute der gesprochenen Sprache entwickelten sich die Buchstabenschriften. Das Prinzip der Buchstabenschriften ist die Übertragung von Lauten auf sprachspezifische Buchstabensysteme, unter Berücksichtigung bestimmter vereinbarter Regeln über die Recht- Schreibung. Solche Regeln sind zum Beispiel die Groß- und Kleinschreibung und die Zeichensetzung. Heute werden von den meisten Sprachgemeinschaften Buchstabenschriften verwendet. Sie bieten die Möglichkeit, mit einem begrenzten Zeicheninventar nahezu unbegrenzt Gedanken darzustellen.

Schriften wurden in der Geschichte meist im Zuge von Eroberungen auf Sprachgemeinschaften übertragen. Die deutsche Sprache und andere europäische Sprachen verdanken ihr Schriftsystem dem römischen Weltreich. Durch Übertragung des Buchstabensystems einer Fremdsprache auf das Lautsystem der eigenen Sprache kommt es zu Diskrepanzen bei der Übereinstimmung von Laut und Buchstaben. Beispiele für solche Unstimmigkeiten sind im Deutschen die Schreibung von drei Buchstaben für einen Laut, oder eine Schreibweise < ch > für zwei  verschiedene Aussprachemöglichkeiten, beispielsweise in "ich" und "ach".  

Unterschiede zwischen Lautsprache und Schrift
 
Laute der gesprochenen Sprache werden nicht isoliert abgesetzt voneinander, sondern innerhalb eines kontinuierlichen Bewegungsablaufs gebildet, so dass ihre akustischen Anteile ineinander übergehen. Wir meinen trotzdem, einzelne Laute zu hören, da wir gelernt haben, wesentliche Merkmale zu erkennen und unwesentliche zu ignorieren. Auch Wortgrenzen, die wir in sprachlichen Äußerungen zu hören meinen,  können akustisch nicht gezogen werden. Sprechen ist innerhalb von Sinneinheiten, die durch Pausen getrennt werden, ein stetiger Fluss.
Im Gegensatz zur gesprochenen Sprache sind Buchstaben in Druckschrift und Wörter in Druck- und Handschrift deutlich getrennt. Diese Trennung zu vollziehen, erfordert im Schriftspracherwerb zunächst einige Kognitionsleistungen, nämlich die Abstraktion vom Gehörten und der Zugriff auf lexikalisch-semantisches Wissen. Beim automatisierten Schreiben und Lesen wird die optische Gliederung dann aber zunehmend als Erleichterung empfunden. Lesen gelingt deshalb weitaus müheloser als langes Zuhören, weil die Schrift bereits die Gliederung in Wörter und Sinneinheiten bietet, die zum Verständnis notwendig ist. Weitere Erleichterung im Leseverständnis schafft die Groß- / Kleinschreibung und die Zeichensetzung.


Schriftspracherwerb

Akustische Wahrnehmung und phonetisch - phonologische Fähigkeiten
Unsere Schriftsprache ist eine Buchstabenschrift, d.h. Phoneme werden durch Grapheme abgebildet. Für den Schriftspracherwerb muss daher vorausgesetzt werden,
- dass alle Phoneme der gesprochenen Sprache richtig artikuliert und identifiziert werden können,
- dass ihre Stellung im Wort erkannt und
- dass ihre Reihenfolge richtig wahrgenommen wird.
Ein funktionstüchtiges akustisches Wahrnehmungssystem ist als Grundlage für die sprachlich-kognitiven Anforderungen des Sprach- und Schriftspracherwerbs unverzichtbar.
Im letzten Jahr vor der Einschulung oder spätestens im Verlauf des ersten Schuljahres - parallel zum Lese- und Schreibunterricht - entwickeln sich phonologische Analyse- und Synthesefähigkeiten, die es dem Kind ermöglichen, Sprache abstrakt, d.h. unabhängig von der Bedeutung und nicht mehr ganzheitlich sondern einzelheitlich wahrzunehmen. Diese Fähigkeit wird auch als "Phonologisches Bewusstsein" bezeichnet. Das phonologische Bewusstsein spielt neben weiteren Faktoren eine wichtige Rolle im Schriftspracherwerbsprozess.

Sprachlich-kognitive Fähigkeiten
Weitere unverzichtbare Abstraktionsleistungen für den Schriftspracherwerb sind metasprachliche Fähigkeiten, z. Bsp. das Erkennen von Gleichklängen in Reimwörtern, die Unterscheidung von Wortlängen, die Gliederung von Wörtern in Silben, die Unterscheidung  sprachlicher Einheiten (Satz, Wort, Silbe, Buchstabe), das Verstehen von semantischen Beziehungen (in Zusammensetzungen oder abgeleiteten Wörtern), die Fähigkeit zur Klassifikation von Wortarten, ausreichende grammatische Fähigkeiten.
Die kognitiven Anforderungen sind beim Schriftspracherwerb höher, als beim Erwerb der gesprochenen Sprache. Der Grad der geforderten Abstraktionsleistungen ist höher, es müssen mehr Regeln und ihre Ausnahmen erlernt, gespeichert und schnell abgerufen werden können.

Die Phonem - Graphem - Korrespondenz
Zu Beginn des Schriftspracherwerbs wird die Zuordnung der Phoneme zu den Graphemen gespeichert. Jedes Graphem muss einerseits visuell differenziert und andererseits einem Laut zugeordnet, also benannt werden können, und zwar zunächst so, wie es der Aussprache entspricht, d.h. mit seinem Lautnamen. Später wird auch der alphabetische Name gespeichert. Andererseits muss jedes Phonem in die entsprechende Form (Graphem) übertragen werden können. Die Übertragung von Phonem zu Graphem und umgekehrt (Phonem - Graphem - Konvertierung) bildet die Grundlage der Lese- und Rechtschreibfähigkeit.

Der Schwierigkeitsgrad einer Schriftsprache ergibt sich in erster Linie aus der Differenz zwischen Phonemen und Graphemen einer Sprache. D.h., je größer das Missverhältnis zwischen beiden ist, desto schwieriger ist der Erwerb. Die italienische Schriftsprache gehört beispielsweise zu den leicht erlernbaren, da hier 25 Phoneme nur 33 Graphemen gegenüberstehen. Sehr schwierig ist der Schriftspracherwerb im Englischen; hier stehen 40 Phonemen 1.100 Grapheme gegenüber. Im Deutschen müssen 77 Phoneme in 26 Grapheme umgesetzt werden.  

Schreiben
Alle zum Schreiben der Buchstaben notwendigen Bewegungen müssen erlernt werden. Erschwerend gestalten sich bei der Handschrift die Übergänge zwischen den Buchstaben. Zur räumlichen Orientierung dienen unterschiedliche Liniensysteme, die insbesondere bei der Schreibschrift von Buchstaben mit Ober- und Unterlänge hilfreich sind. Zunächst wird mit Bleistift geschrieben. Im weiteren Verlauf erlernen die Kinder den richtigen Schreibdruck für unterschiedliche Stifte. Mit zunehmender Automatisierung des graphomotorischen Ablaufs durch zahlreiche Übungen und Wiederholungen steigert sich auch das Schreibtempo.

Lesen
Buchstaben müssen visuell identifiziert und differenziert werden. Auch die räumliche Orientierung im Text (von links nach rechts) und das Fixieren der Textzeilen erfordern ausgereifte Fähigkeiten der visuellen Wahrnehmung. Die für das Text-Lesen erforderlichen Blicksprünge entwickeln sich parallel zur Lesefähigkeit. Als kulturell gebundene Fähigkeit und müssen sie gelernt werden. Mit etwa 10 Jahren sind die Blicksprungleistungen gut lesender Kinder ausreichend entwickelt und ermöglichen jetzt ein hohes Lesetempo.

 

Die Entwicklung der Lesefähigkeit
Die Entwicklung der Lesefähigkeit von der globalen Erfassung graphischer Gestalten über die Synthese zur Sinnentnahme beschreibt Frith (1985) in einem 3 – Phasenmodell:

1. Die logographische Phase: Beginn des Lesenlernens (ganzheitlich) 
Leseanfänger segmentieren nicht und ordnen den Buchstaben nicht Laute zu, sondern versuchen, ein Wort in seiner graphischen Gestalt ganzheitlich zu erfassen. Um sich den Inhalt eines Wortes zu erschließen, machen sie sich auch ergänzende Informationen (z. Bsp. aus dem situativen Kontext) zunutze. Mit dieser Methode kann nur eine begrenzte Zahl von Wörtern (auswendig) gelernt werden. Sobald die Grenze der Speicherfähigkeit für graphische Gestalten überschritten wird, findet kein Zuwachs mehr statt.

2. Die alphabetische Phase: Erwerb der Phonem–Graphem–Übertragung (einzelheitlich)
Mit der Fähigkeit zur phonologischen Analyse und Synthese gesprochener Sprache und der Buchstabenzuordnung beginnt das synthetisierende Lesen, mit dem sich Kinder auch unbekannte Wörter erlesen können.

3. Die orthographische Phase: Erfassen größerer Einheiten (kombiniert)
Nach der mühseligen und zeitaufwendigen phonologischen Kodierung ermöglicht die orthographische Methode Texterfassung (zwar auch analytisch, aber) in größeren Einheiten als bei der alphabetischen Methode. Diese Einheiten sind Morpheme.


Die Entwicklung der Rechtschreibung
Die Entwicklung der Rechtschreibung vollzieht sich nach Spritta (1988) in 6 Phasen:

1. Vorkommunikatives Schreiben
Ab etwa 2 Jahren kann man Kinder beobachten, die absichtlich dauerhafte graphische Zeichen mit Schreibgeräten auf Papier erzeugen

2. Vorphonetisches Schreiben
Im Alter von 3 – 4 Jahren beginnen Kinder, willkürlich bekannte Buchstaben zum Zweck der Mitteilung zu schreiben.

3. Halbphonetisches Schreiben
 Mit 4 – 5 Jahren werden schon prägnante Merkmale der Lautstruktur verschriftlicht, z. Bsp. für „Puppe“.

4. Phonetische Phase
Die Fähigkeit, Lautsprache in Schrift umzusetzen, entwickelt sich weiter. Dabei orientieren sich die Kinder an der eigenen Aussprache (z. Bsp.: für „Vater“) und schreiben sozusagen ihre eigene Lautschrift.

5. Phase: Entwicklung von Rechtschreibmustern
Mit dem Schuleintritt bemerken die Kinder, dass neben der Laut- Buchstabenzuordnung noch weitere Regeln zu beachten sind. Sie beginnen jetzt, in ihre Lautschrift Rechtschreibmuster zu integrieren, 
z. Bsp.: (Oma) oder (Fenster)

6. Phase: Übergang zur entwickelten Rechtschreibfähigkeit
Ab der 2./3. Klasse beginnt der Übergang zur entwickelten Rechtschreibung der Erwachsenen.
Es gibt zahlreiche Regeln der Schreibung, die nicht mit der Repräsentation von hörbaren Einzelelementen der gesprochenen Sprache erklärt werden können. Hier richten sich die Regeln der Schreibung nach etymologischen Ableitungen oder nach morphologischen Variationen. Neben den phonologischen Fähigkeiten zum Erwerb der lautgerechten Schreibung sind daher auch semantsiche und grammatische Kompetenzen zur Ableitung von Schreibweisen und Anwendung von Regeln erforderlich.


Ilse Wagner


 

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