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  Phonologische Entwicklung

Phonologie ist ein Teil der Sprachwissenschaft, der sich mit dem Lautsystem der Sprache beschäftigt. Untersucht werden die Muster und unterscheidenden Funktionen der Lautsysteme verschiedener Sprachen.
Einzelne Sprachlaute sind bedeutungslos. Erst in Wörtern erhalten sie bedeutungsunterscheidende Funktion, zum Beispiel [j] und [h] in "Jacke" und "Hacke". Laute mit bedeutungsunterscheidender Funktion werden als Phoneme bezeichnet. Diesem phonologischen Aspekt der Aussprache steht der phonetische gegenüber. Mit Phonetik bezeichnet man die zur Lautproduktion erforderliche Artikulationsmotorik und Schallerzeugung. Entsprechen die phonologische Planung und die phonetische Realisierung dem vereinbarten Code der jeweiligen Sprachgemeinschaft, dann gelingt die Verständigung.

Wie die Sprachwissenschaftler, so müssen auch Kinder in der Sprachentwicklung das Lautsystem ihrer Muttersprache erforschen. Um die Sprache ihrer Umgebung zu verstehen, müssen sie den wahrgenommenen Sprechfluss zunächst in kleinere Einheiten zerlegen. Dazu werden rhythmische Einheiten, Wortstämme, End- und Vorsilben und zuletzt Laute segmentiert und analysiert.
Der Erwerb des Lautsystems der Muttersprache wird "Phonologische Entwicklung" genannt.


Die phonologische Entwicklung
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Säuglinge besitzen erstaunliche Fähigkeiten zur Analyse akustischer Reize. Schon einen Tag nach der Geburt können sie nicht nur die Stimme ihrer Mutter von anderen unterscheiden, sondern auch die monoton verfremdete mütterliche Stimme unter Stimmen verschiedener Personen heraushören. Wenige Tage nach der Geburt wenden sie den Kopf einer Schallquelle zu, nach 14 Tagen ziehen sie menschliche Stimmen anderen Geräuschen vor. Ab der 4. Lebenswoche können die Silben [pa] und [ba] unterschieden werden. Offensichtlich funktioniert die Unterscheidung des distinktiven Merkmals stimmhaft/stimmlos bereits wie bei Erwachsenen.

Etwa ab dem 4. Lebensmonat kann man beobachten, dass eine Vielzahl von Konsonanten und Vokalen gebildet wird, die durch zufällige Einstellungen der Artikulationsorgane entstehen. Als Motiv für das Auftreten von Lallsilben wird die kindliche Funktionslust, aber auch beginnende Selbstnachahmung angenommen. Erste Verbindungen zwischen der auditiven und taktil-kinaesthetischen Wahrnehmung befähigen das Kind in der folgenden Zeit, die eigenen Lautproduktionen zu wiederholen. Mit wechselnder Lautstärke und Tonlage, aber auch mit gleitenden Tonverläufen, ertönen Reihen konsonantischer und vokalischer Kombinationen (bababa, gaga, etc.). Das Lautspektrum ist sehr umfangreich und beinhaltet auch Laute, die nicht in der Umgebungssprache des Kindes zu finden sind.

Ab dem 6. Monat beginnt das sprachliche Symbolverständnis. Jetzt werden Bezüge zwischen sprachlichen äußerungen und Situationen hergestellt, Namen von Familienmitgliedern werden erkannt. Auf Fragen wird durch Zeigen reagiert, kleine "Kunststücke" werden ausgeführt ("Winke-winke" usw.).
In ihre Umgebungssprache haben sich die Kinder eingehört und beginnen nun, den Sprechfluss zu deuten. Um den "Code unserer Sprache zu knacken", müssen ca. 15 Phoneme pro Sekunde verarbeitet werden. Unsere Lautsprache besteht aus 18 vokalischen Phonemen (Kurzvokale, Langvokale, Diphthonge) und 21 Konsonanten, deren wichtigste Korrelationsmerkmale die Stimmbeteiligung und Nasalität sind. Laute zu erkennen bedeutet, ihre Invarianzen wahrzunehmen, d.h. ihre unveränderlichen Merkmale zu identifizieren, die unabhängig von Klangveränderungen durch Lautstärke, Stimmlage und Koartikulation wahrnehmbar sind.

Im 6./7. Monat vervollkommnet das Kind seine Fähigkeit zur bewussten Wahrnehmung der eigenen Laute, zur Speicherung des Klangeindrucks und zur Steuerung der Zungenmotorik. Wenn die Bezugspersonen des Kindes auf seine Lautäußerungen antworten, entwickeln sich aus den Lallmonologen allmählich Dialoge. Zur Entstehung und Aufrechterhaltung der sozial-kommunikativen Funktion des Lallens ist das Kind auf Reaktionen aus seiner Umgebung angewiesen.

Etwa im 8./9. Monat beginnen, durch "Wechselgespräche" mit der Mutter initiiert, erste Nachahmungsversuche der Erwachsenensprache. Die Lallproduktionen werden differenzierter. Konsonanten und Vokale wechseln, so dass unterschiedliche Silben entstehen. Am Ende des ersten Lebensjahres können Eltern den ausgeprägt melodischen Lautketten bereits kommunikative Absichten (Ruf, Wunsch, Frage) zuordnen. Aus der Verknüpfung bestimmter Silben mit bestimmten Sprechmelodien, die in spezifischen Situationen geäußert werden, entstehen im weiteren Verlauf die ersten identifizierbaren "Protowörter", deren Bedeutung von den Bezugspersonen des Kindes interpretiert wird. Die zunehmende Orientierung an der Umgebungssprache bewirkt eine Reduktion der ursprünglichen Lautvielfalt auf die der Muttersprache angehörenden Phoneme. Die Beschränkung des kindlichen Lautspektrums am Ende der Lallperiode wird auf das Erlernen von distinktiven Merkmalen zurückgeführt.

Der Zeitpunkt des Auftretens erster Wortgestalten ist sehr unterschiedlich und schwankt zwischen dem 11. Monat und 15. Monat. Lallproduktionen sind weiterhin zu hören, durchsetzt mit erkennbaren Wörtern. Diese Mischung aus Lallen und deutlichem Sprechen einzelner Wörter hält bei manchen Kindern noch bis ins zweite Lebensjahr an.

Grundlage für die Bildung erster Wörter ist die Fähigkeit des Kindes, wiederkehrende Lautgruppen aus der Erwachsenensprache zu isolieren und Bedeutungen zu erkennen. Zwischen der Wahrnehmungs- und der Artikulationsfähigkeit besteht jedoch noch ein Missverhältnis. So versuchen Kinder im zweiten Lebensjahr mit den wenigen Lauten, die sie bilden können, alle Wörter ihres wachsenden Begriffsrepertoires zu sprechen. Das bedeutet, dass sie diese Laute auch stellvertretend, als Ersatzlaute, verwenden. Die Komplexität der Silbenstruktur macht den Kindern anfangs ebenfalls noch zu schaffen. Sie erlernen zunächst einsilbige Wörter, die aus Konsonant und Vokal bestehen (ab, da) oder zweisilbige Wörter, in denen sie beide Silben vollständig angleichen (Bsp.:? Mama [mama], Papa [papa], Mama / Papa [baba], Auto [dodo], Sprudel [bubu], Schokolade [lala]). Solche Silbenreduplikationen treten auch noch auf, wenn bereits geschlossene Silben gesprochen werden, die aus Konsonant - Vokal - Konsonant bestehen (Bsp.: essen/ Hunger [hamham]). Zur Vereinfachung geschlossener Silben werden finale Konsonanten häufig ausgelassen. Silben mit der Struktur Konsonant - Konsonant - Vokal (KK-V, auch V- KK, KK-V-K, etc.) werden um einen Konsonanten der Kombination reduziert (Bsp.: Schwein wird zu "fain", Geld zu "del").

Wichtiges Ausdrucksmittel ist für Kinder im Spracherwerb die Sprechmelodie, die in der Einwortphase entscheidende Mitteilungsfunktion hat. Durch ausdrucksvolle Intonation im Sinne einer stark melodischen Ansprache wird dem Kind nicht nur die Erfassung von Bedeutungen sondern auch die Laut- und Silbenanalyse erleichtert.

Am Ende des zweiten Lebensjahres kommt es noch zu Abweichungen der Aussprache, die in längeren Wörtern und längeren äußerungen, aber auch unter emotionaler Belastung zunehmen. Die Analysefähigkeit für Sprache entwickelt sich im 3. Lebensjahr weiter. Auch die artikulatorische Geschicklichkeit zur Bildung von Lauten und übergangsbewegungen in unterschiedlichen Lautnachbarschaften nimmt zu, bis sie im 4. Lebensjahr einen hohen Automatisierungsgrad erreicht hat. Mit Beendigung des 3. Lebensjahres werden die meisten Laute der jeweiligen Sprachgemeinschaft, in der ein Kind aufwächst, korrekt gebildet, und bei Abschluss des 4. Lebensjahres können alle Konsonanten und Konsonantenverbindungen (evtl. mit Ausnahme der Sibilanten) gesprochen werden.

Im Alter von sechs Jahren verfügen Kinder mit einem störungsfreien Lauterwerb über ausreichende phonetische und phonologische Fähigkeiten, um als weiteres, auf der Lautsprache aufbauendes Symbolsystem die Schriftsprache zu erlernen.

Ilse Wagner


 

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