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  Kinder ohne Sprache - Behandlung mit der Assoziationsmethode nach McGinnis

Kinder mit Störungen der Sprachentwicklung sind in unserer alltäglichen Praxis die häufigste Klientel. Im Allgemeinen sind wir gut gerüstet für alle Variationen und Ausprägungen, von der semantisch-lexikalischen Störung über die Aussprachestörung bis zum Dysgrammatismus. Eine therapeutische Herausforderung bilden dagegen Kinder mit hochgradigen Störungen ihrer Sprachentwicklung, die auf Grund der schweren Ausprägung rezeptiver und expressiver Fähigkeiten nicht in der Lage sind, über das Nachsprechen ihre Umgebungssprache zu erlernen. Traditionelle Methoden der Sprachtherapie, die im Wesentlichen auf Nachahmung von Sprache und Nachsprechen von Lauten aufbauen, sind daher weder geeignet noch ausreichend, um diesen Kindern eine verbale Kommunikation zu ermöglichen.

Zielgruppe, Symptomatik und Bedingungshintergrund
Kinder, die im 3. Lebensjahr oder älter sind und über kaum entwickelte expressive Sprache verfügen, bilden die Zielgruppe. Im Alter von drei Jahren sprechen manche von ihnen nur wenige Wörter oder nur einen einzigen Laut, mit dem sie kommunizieren. Andere Kinder äußern so genannte Wortruinen, d. h. Wörter, die so verzerrt, entstellt und verkürzt sind, dass sie ohne Hintergrundwissen von Kommunikationspartnern nicht verstanden werden.
Ursachen für solche hochgradigen Störungen sind häufig nicht bekannt. Viele Kinder haben ein normales Hörvermögen, eine durchschnittliche Intelligenz und ein funktionstüchtiges Artikulationssystem. Gelegentlich werden leichte bis mittelgradige Hörbeeinträchtigungen festgestellt, die jedoch das Ausmaß der Sprachentwicklungsstörung nicht erklären können. In einigen Fällen finden sich anamnestische Hinweise auf mögliche Entwicklungsstörungen des zentralen Nervensystems (z. Bsp. Fieberkrämpfe oder Epilepsien).
Neben den sprachproduktiven Auffälligkeiten zeigt sich in der diagnostischen Spielbeobachtung, dass die Kinder Sprache als Kommunikationsmittel erkannt haben und parasprachliche Strategien (Mimik, Prosodie, Gestik, Gebärden) verwenden. Prosodische Mittel werden eindrucksvoll eingesetzt und die Produktion von Geräuschen (Fahrzeuge, Tiere) gelingt oft erstaunlich gut. Das Sprachverständnis ist weitaus besser entwickelt als die Sprachproduktion.
Das Missverhältnis von nahezu altersentsprechender Gesamtentwicklung und hochgradig retardierter sprachproduktiver Entwicklung führt bei vielen der betroffenen Kinder zu Fehlentwicklungen der Emotionalität und des Sozialverhaltens. Alle Kinder zeigen ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten bei sprachlichen Anforderungen und eine sehr niedrige Frustrationstoleranzschwelle.
Als Bedingungshintergrund werden Störungen der Programmierung von Sprechbewegungen, der Sprachverarbeitung, taktil-kinästhetische und kognitive Probleme vermutet. Sprachverarbeitungsstörungen führen zu unpräzisen Vorstellungen über das Wortklangbild, beeinträchtigen demzufolge die Identifizierung, Speicherung und den Abruf. Taktil-kinästhetische Probleme verursachen Speicher- und Abrufprobleme der Sprechbewegungen, während Dyspraxien konstante sprachliche Produktionen verhindern. Darüber hinaus erschweren Störungen der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses das Lernen insgesamt.

Diagnostische Möglichkeiten
Da die Kinder nicht nachsprechen und selbst kaum (oder nur unverständliche) Sprache produzieren, scheiden alle üblichen Methoden des Benennens oder der Erhebung von Sprachproduktionen als diagnostische Mittel aus. Stattdessen steht im Mittelpunkt der Diagnostik die Verhaltensbeobachtung. Beobachtet und dokumentiert werden sprachliche Äußerungen, das kommunikative Verhalten (kommunikative Handlungen, nonverbales und verbales Kommunikationsverhalten), das Spielverhalten (Stand der Spielentwicklung, Nachahmung) und das sozial-emotionale Verhalten (Frustration, Vermeidung, Verhaltensauffälligkeiten). Sinnvoll ist auch die Überprüfung von Mund- und Artikulationsfunktionen zum Ausschluss organischer Beeinträchtigungen. Im Bereich der unwillkürlichen Mundmotorik wird die Nahrungsaufnahme überprüft. Die Nachahmung von Mundbewegungen, einzelner Sprachlaute mit Symbolcharakter, das Nachsprechen und das Benennen von Wörtern schließen sich an, sofern das Kind in der Lage und bereit dazu ist.
Weitere diagnostische Maßnahmen, auch anderer Fachdisziplinen, Rücksprache mit anderen Fachkräften, die das betreffende Kind untersucht haben und/oder behandeln, werden im Elterngespräch erörtert und gemeinsam mit den Eltern entschieden.

Die Behandlungsmethode
Obwohl die Assoziationsmethode nach Mildred McGinnis als Behandlungsmethode für Kinder mit hochgradigen Störungen der Sprachentwicklung in den USA seit Jahrzehnten erfolgreich angewandt wird (u. a. zur Behandlung von verbalen Dyspraxien, Sprach-/Sprechstörungen bei Autismus, Cerebralparesen und mentaler Retardierung), ist sie im deutschsprachigen Raum weniger bekannt und verbreitet.
Mildred McGinnis (1892-1966) entwickelte ihre Methode während ihrer Zeit als Lehrerin an einer Schule für Gehörlose. Immer wieder traf sie in ihren Klassen auch auf Kinder, die nicht sprechen konnten, obwohl sie gut hörten. Diese Kinder behandelte sie mit dem Ziel, ihnen das Sprechen, Lesen und Schreiben zu vermitteln.

Ziel und Prinzipien der Assoziationsmethode
Ziel der Assoziationsmethode ist, durch das Training der Dekodierung, Segmentierung, Speicherung und Wiederherstellung ein ausreichendes Sprachverständnis und sprachproduktive Fähigkeiten zu vermitteln.
Es handelt sich um eine stark strukturierte, multisensorische Behandlung, in der systematisch visuelle, taktil-kinästhetische und auditive Fähigkeiten verknüpft werden, die entscheidend für die dauerhafte Speicherung und den Abruf von Lautsequenzen sind. Präzise Artikulation wird von Anfang an auf jeder Lernebene gefordert. Unterstützend werden Buchstaben eingesetzt. Ältere Kinder (im späteren Vorschul- und Schulalter) sollen die eingeführten Buchstaben und Wörter auch selbst schreiben. Das taktil-kinästhetische Feedback der Graphomotorik bildet einen weiteren Teil der mulitsensorischen Information. So lernen die Kinder (über das Absehen der Sprechbewegungen, über die taktil-kinästhetische Wahrnehmung der eigenen Artikulationsbewegungen, über das Hören des Lautklangs, durch das Sehen der Buchstaben und die Wahrnehmung der eigenen Schreibbewegungen) Assoziationen zu bilden, durch Wiederholung zu stabilisieren und zu automatisieren.

Aufbau der Assoziationsmethode 
Die Behandlung ist nach phonetischen Grundsätzen aufgebaut. Man beginnt mit einzelnen Lauten, die zunächst zu Silben und später zu Wörtern verbunden werden. Aus Sequenzen von Wörtern werden Sätze und aus Sequenzen von Sätzen Texte.
Auf der ersten Lernebene werden Phoneme mit den entsprechenden Buchstaben angeboten. Wenn die geübten Phoneme mühelos nachgesprochen und selbst produziert werden können, werden aus Phonemsequenzen Silben gebildet.
An das Silbentraining schließt sich die zweite Lernebene an. Aus Phonemsequenzen werden Wörter gebildet, wobei der Farbwechsel der Buchstaben den Aussprachewechsel der Phoneme signalisiert. Wenn alle Einzelphoneme in der richtigen Reihenfolge gesprochen werden können, wird die verbundene Aussprache eines Wortes geübt, zunächst mit, später ohne die Unterstützung der Schrift. Bei der Wortauswahl greift man auf den Pool der geübten Phoneme zurück.
Inhalt der dritten Lernebene ist die Kombination von Wörtern zu Sätzen. Angeboten werden Artikel und Nomen, einfache Aussagen und Fragen, komplexe Sätze. Die Kombination der Sätze ergibt schließlich erste Texte und Geschichten.
Zusätzlich zu den spezifisch sprachlichen Therapiemaßnahmen erhalten die Kinder, je nach Bedarf, begleitende Maßnahmen zur Förderung der Grob-/Feinmotorik, der sensorischen Integration, des Sozial- und Lernverhaltens und der allgemeinen vorschulischen und schulischen Fähigkeiten.

Fallbeispiel
Birte wurde im Alter von 2;11 Jahren zum ersten Mal der Autorin vorgestellt. Sie sprach zwei Worte: "Mama" und "aam", mit denen sie in ausdrucksvoller Prosodie alle Wünsche und Gefühle ausdrückte. Ihr Lautinventar umfasste demzufolge nur zwei Laute, einen Vokal und einen Konsonanten. Kommunikations- und Spielverhalten waren dagegen altersentsprechend entwickelt. Birte konnte nichts nachsprechen, entsprechende Aufforderungen quittierte sie mit Vermeidungsverhalten (Abwenden, Abbrechen des Blickkontaktes). Emotional wirkte Birte sehr labil. Sie reagierte schnell mit Frustration auf kommunikativen Misserfolg. In der Anamnese gab es keine Hinweise auf eine mögliche Ursache; sie hatte keine Hör- oder andere organische Beeinträchtigungen. 
Nach dreimonatiger Behandlung mit der Assoziationsmethode (in dieser Zeit wurden drei Phoneme erarbeitet), begannen ihre ersten Nachsprech- und Benennversuche. Die Aussprache war dabei allerdings so verwaschen und verzerrt, dass es nicht möglich war, Birtes Äußerungen in phonetischer Umschrift zu transkribieren.
Parallel zur Arbeit an einzelnen Phonemen, Sequenzen von Phonemen und Wörtern verbesserten sich Birtes spontansprachliche Fähigkeiten. Ihre Wortproduktionen nahmen stetig zu und nach etwa 18 Monaten Behandlungszeit sprach sie erste Zweiwortsätze. Auch ihre Aussprachefähigkeit verbesserte sich, so dass mit vier Jahren die erste Ausspracheprüfung mit überwiegend protokollierbaren kindlichen Äußerungen durchgeführt werden konnte. Am Ende des vierten Lebensjahres hatte Birte einen Sprachentwicklungsstand erreicht, der im Abschlussbericht der ambulanten Therapie als "SES mit universeller Dyslalie und schwerem Dysgrammatismus" bezeichnet werden konnte. Mit dieser Diagnose wechselte sie in einen Sprachheilkindergarten und wurde dort - mit traditionellen Methoden - erfolgreich weiter behandelt, bis sie mit sechs Jahren in eine Sprachheilschule eingeschult wurde, die sie zwei Jahre lang besuchte.
Der Autorin wurde Birte wieder vorgestellt, als sie 11;8 Jahre alt und Schülerin der 5. Klasse einer Realschule war. Ihre Mutter hatte sich wieder gemeldet, weil Birte Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hatte. Im Erstgespräch zeigte sich, dass Birte inzwischen nahezu unauffällig sprach, bis auf eine gering verlangsamte, teilweise etwas gedehnte Artikulation und eine leichte Wortfindungsproblematik. Ihre Lesefähigkeiten waren gut, und sie las gerne und viel. In der linguistischen Analyse der Rechtschreibung konnten einige Fehlerarten ermittelt werden, die auf mangelnde phonologische Analyse- und Synthesefähigkeiten zurückzuführen waren. Zur Behebung dieser Problematik wurden abschließend noch einmal 20 Therapieeinheiten benötigt.  

Therapieerfolge 
Während die Kinder zu Beginn der Therapie nicht in der Lage sind, Laute eindeutig zu identifizieren, und vermutlich deshalb so verzerrt artikulieren, weil sie die Laute ebenso sprechen wie sie sie wahrnehmen,  entwickeln sich im Verlauf der Behandlung präzise Vorstellungen des Lautklangs und eine deutliche Aussprache. Die Generalisierung der erlernten Fähigkeiten ermöglicht die Analyse und Speicherung von Sprache und damit auch die Fähigkeit des Nachsprechens, so dass zunehmend neue Wörter in den aktiven Wortschatz integriert werden können. Sobald durch Nachsprechen der eigene Wortschatz erweitert werden kann und es gelingt, Wörter zu Mehrwortäußerungen zu kombinieren und verständlich (wenn auch nicht lautrein) zu sprechen, kann die Behandlung mit traditionellen Methoden fortgeführt werden. 
Entscheidend für den Therapieerfolg sind die frühe und richtige Diagnose und ein Behandlungsbeginn mit der Assoziationsmethode möglichst im dritten Lebensjahr. Aber auch ältere Kinder können noch erfolgreich behandelt werden. In ihrem Buch "Olaf, Kind ohne Sprache" (Kegel, G. & Chr. Tramitz, 1991, Westdeutscher Verlag) berichten Kegel und Tramitz über einen Jungen, der erst im Alter von acht Jahren mit der Assoziationsmethode sprechen lernte. 
In der Regel dauert es 12 - 18 Monate, bis Gelerntes in die Spontansprache übernommen wird, so dass Ausdauer und Zuversicht erforderlich sind. Die Erfahrung zeigt, dass "Kinder ohne Sprache" mit der Assoziationsmethode sprechen lernen, wenn diese konsequent über einen langen Zeitraum durchgeführt wird.
Nach langjähriger Behandlung sind die Ergebnisse unterschiedlich. Nicht alle Kinder sprechen unauffällig und können erfolgreich eine Regelschule besuchen. Das Therapieziel "Reduzierung der Störung und Erleichterung der Kommunikation" wird aber in allen Fällen erreicht. 

Ilse Wagner

Veröffentlicht in:
Kinder ohne Sprache. Die Behandlung von Kindern mit hochgradigen Störungen der Sprachentwicklung.
dgs Forum Sprache, Themenheft: Sprachförderung - Sprachtherapie - Sprachtherapeutischer Unterricht
2. Jahrg. / Januar 2008, dgs LG Niedersachsen


 

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